Wert der Geisteswissenschaften

Letzte Woche hat Rüdiger Görner in der FAZ vom 11. November 2010 (paywall, Link kommt, wenn der Artikel freigeschaltet ist) jenes bedrückende Schauspiel aufgeführt, welches schon vor längerer Zeit in der bundesrepublikanischen Hochschullandschaft zum Besten gegeben wurde: Der agonale Kampf einer Wissenschaftsdisziplin, die mit Herausforderungen konfrontiert wird, der sie nicht gewachsen ist, weil sie

a) die ökonomistische Sprache nicht versteht, in der die Herausforderung formuliert ist oder
b) in der teilweise verbeamteten Behäbigkeit ihrer professoralen Elite keine Notwendigkeit sieht, sich jetzt mit der Herausforderung zu beschäftigen. Diese Kämpfe darf dann die nachfolgende Generation führen… auf den Trümmern der verbliebenen Institute.

Rüdiger Görner ist Literaturwissenschaftler am Queen Mary College der Universität London. Die britische Universitätslandschaft ist durch die einschneidende Austeritätspolitik des konservativ-liberalen Kabinetts massiv bedroht, insbesondere die Geisteswissenschaften, die in einen Wettbewerb um staatliche Forschungsgelder mit den STEM-Fächern gedrängt werden – unangenehmerweise auch noch nach den Gütekriterien letzterer für exzellente Wissenschaft.

Görners Text ist voll schönen bildungsbürgerlichen Zitatezierats, a là was Heinrich Heine wohl dazu sagen würde, angereichert mit Tiraden gegen die Regierung, welche dem Abendland den Todesstoß versetzen würde. Der eigentlichen Herausforderung aber geht er in seiner Larmoyanz aus dem Weg. Warum er die Herausforderung verweigern möchte sagt er nicht. Dabei gäbe es auch legitime Gründe für die Geisteswissenschaften, nicht wie ein Wirtschaftsunternehmen im Würgegriff der Controlling-Abteilung organisiert zu sein.

Bei Görners Text ist die Hilflosigkeit deswegen so erschütternd zu lesen, weil die Analogie seiner Argumente zu jenen, die seit den späten 1990er Jahren in der Bundesrepublik über den Wert der Geisteswissenschaften ausgetauscht wurden, so offensichtlich ist. Und erschütternd ist es vor allem auch, weil schon in dieser älteren Debatte die Geisteswissenschaften nicht mehr als ein schlechtes Rückzugsgefecht liefern konnten und es daher irgendwie absehbar wird, wie es in Großbritannien ablaufen könnte, wenn sie sich weiterhin so schwach verteidigen sollten.

Kleinere Zugeständnisse bspw. von Seiten der DFG, daß es weniger auf Quantität als auf Qualität bei Publikationen ankommt, sind da auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Gegen den generellen Trend der Ökonomisierung, auch der akademischen Lebenswelt, richtet das nicht viel aus.

But fear not, dear friends, Thom Brooks verweist auf einen Artikel in der Times Higher Education. Dieser Artikel berichtet seinerseits von einer Studie, welche sich mit dem impact der Geisteswissenschaften auseinandersetzt und damit genau jene Herausforderung annimmt, welche die Vertreter der Geisteswissenschaft beflissentlich ignorieren: Zu sagen, wozu sie gut sind und was sie können. Und die bottom line der Studie sieht gar nicht mal so schlecht aus:

A powerful story emerges about the strength and benefits of research in the humanities, research that transforms the intellectual and cultural landscape, generates commercial capital and sustains citizenship and civil society.

Man müßte nur mal drüber reden. Na dann…

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4 Antworten zu Wert der Geisteswissenschaften

  1. Nick schreibt:

    Persönlich kann ich den letzten Debatten über die Existenzberechtigung der Geisteswissenschaften wenig abgewinnen. Es ist eine Binsenweisheit, dass die Geisteswissenschaften ihre Existenberechtigung anders begründen als z.B. die Medizin oder die Naturwissenschaften. Aber das kann nicht als Argument gegen mehr Wettbewerb und Qualitätssicherung gelten. Und da ist die gennante Initiative der DFG für „Qualität statt Quantität“ kein Tropfen auf den heißen Stein, sondern ein wichtiger (und längst überfälliger) Schritt zu mehr Qualitätssicherung und Fairness durch z.B. mehr peer-review Zeitschriften, die Einführung eines Ranking für geisteswiss. Zeitschriften und einen verstärkten wissenschaftlichen Austausch auf Englisch.

    • Don Gomez schreibt:

      Danke für den Kommentar! Ich kann eigentlich nur zustimmen und möchte trotzdem Haare spalten:
      Kann etwas sinnvoll und trotzdem zugleich ein Tropfen auf den heißen Stein sein? Ich denke schon. Und solange die Geisteswissenschaften, so mein Argument, nicht die Herausforderung ihrer Rechtfertigung annehmen, werden sie weiter ein Problem haben. Die Herausforderung kann – muß aber nicht – so angenommen werden, wie dies die zitierte Studie zum impact macht. Genausogut ist eine kulturwissenschaftliche Analyse (Kompetenzbündelung!) der Ökonomisierung der Lebenswelt möglich und/oder eine Dekonstruktion der ökonomistischen Sprache der Bildungspolitik.

  2. Björn schreibt:

    Ich habe in der letzten Zeit einige interessante Beiträge aus den USA zum Wert der Geisteswissenschaften gelesen. Darunter die Diskussionen zu Martha Nussbaums „Not for profit“.

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