Antifaschistische Verstopfung

Was ist das für eine Zeitung, die ihren Lesern im wöchentlichen Dogmatismuslehramt erklären muß, was mit der reinen Lehre vereinbar ist? Und was sind das für Leser, die sich von ihrer Zeitung derart die Welt deuten lassen? Zugegeben, es handelt sich dabei erklärtermaßen um ein Debattenforum und die Leser sollen gerade dazu animiert werden, sich diskursiv eine eigene Meinung zu bilden. Da ist dann aber schon das nächste Problem. Was passiert in öffentlichen Diskussionen geradezu präzise wie ein Uhrwerk, sobald Edelgermanen das Wort erteilt wird? Genau, argumentum ad hitlerum.

Der Reihe nach: Bei der Zeitung handelt es sich um die taz, bei den Lesern um die Klientel, die in weiten Teilen identisch ist mit der Grünen-Wählerschaft – aber nicht nur, man denke hier insbesondere an das verquaste Muffmilieu der westdeutschen Linken. Das Debattenforum ist der wöchentliche SonntazStreit. Der jeweilige Streitgegenstand ist eine wichtige Weltorientierungsfrage für offensichtlich orientierungslose taz-Leser. In diesem Fall ist es die Frage, ob Linke Bio essen müssen. Allein die Frage deutet auf die Saturiertheit eines Millieus, welche keine anderen Sorgen mehr hat, als den eigenen carbon foot print ideologisch auf Linie zu bringen. Und der SonntazStreit geht so: Anfang der Woche stellt die taz einen thesenhaften Artikel zur Diskussion, der in seiner Pointiertheit darauf zugeschnitten ist, Streitbeiträge zu produzieren. Die kommen dann auch und damit das unvermeidliche argumentum ad hitlerum. Geliefert wird es von einer Person, die von der taz selbst als „Ex-Stadt-Guerillero ‚Bommi‘ Baumann“ eingeführt wird. Ihm zufolge ist Bio nicht nur un-Links, weil teuer. Sondern auch noch aus einem anderen Grund äußerst problematisch für das linke Selbstverständnis:

„Hitler und Himmler haben selbst vegetarisch und biologisch gegessen.“

Soll heißen? Wer Bio isst, ist Faschist? Und die taz erklärt einen solchen Quatsch auch noch als sinnvollen Debattenbeitrag, auf den man sich beziehen kann? Ja? Gut. Ich denk mal weiter für die Damen und Herren Antifaschisten: Der Führer war jeden Tag auf Toilette, um seine vegetarisch verdaute Weltanschauung auch wieder los zu werden. Neben dem Führer war nachweislich die gesamte Führungsriege der NSDAP regelmäßiger Besucher von Toiletten. Der einfach Schluß aus diesen Fakten kann dann doch nur sein, daß der Toilettenbesuch aus ideologischen Gründen zu meiden ist, will man sich nicht dem, auf die niederen Instinkte der politischen Korrektheit zielenden Vorwurf aussetzen, selbst etwas mit Hitler zu tun zu haben. Die antifaschistische Verstopfung wird damit zum nobelsten Ausweis der linken Gesinnung. Herzlichen Glückwunsch!

Das alles ist natürlich ein klarer Kategorienfehler. Faschismus, Nationalsozialismus, rechte Ideologie, das ist vieles: menschenverachtend, rassistisch, chauvinistisch usw. usf. Vegetarismus oder pestizidfreie Ernährung aber sind nicht Bestandteil einer rechten Ideologie. Ergo, liebe taz-Leser, euer Karma ist nicht in Gefahr, wenn ihr Bio esst. Es spielt nur eine untergeordnete Rolle für eine linke Weltanschauung, ob man Bio isst. Deswegen muß man auch damit leben können, daß auch der Führer gerne mal eine Möhre weggeschnorpst hat. Ob es gesünder ist, bleibt dennoch fraglich. Bio-Bauern spritzen eben anders. Und der carbon foot print sieht bei Bio auch nicht unbedingt besser aus.

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