Allensbacher Mitte

Die Analysen des Instituts für Demoskopie Allensbach sind regelmäßig herausfordernd. Heute erschien der monatliche Bericht des Instituts zur Lage der Nation in der FAZ. Insbesondere der anspruchsvolle Prozess, erstens Modellannahmen der beobachteten Realität zu entwerfen, diese dann zweitens zu operationalisieren, um drittens ganz bestimmte Beobachtungen dieser Realität ganz bestimmten Zahlen zuzuweisen, viertens mit diesen Zahlen dann zu Rechnen und die Ergebnisse fünftens wieder aus einer mathematisch-statistischen Sprache in die sozialwissenschaftliche Beobachtersprache zurück zu transformieren… das alles ist ein langwieriger und mit Aufwand beladener Forschungsprozess: die Mühen der Ebene.

Thomas Petersen bespricht die Ergebnisse aktuellster Umfragen zum Status der Linkspartei und ich habe das Gefühl, er bespricht seine Daten, wie esoterische Wundheiler Warzen besprechen. Ein Absatz im Text ist dabei besonders auffallend:

Hinzu kommt, dass der Zeitgeist der „Linken“ in die Hände zu spielen schien. Bereits seit Ende der siebziger Jahre bewegte sich der politische Standort zunächst der westdeutschen, nach 1990 auch der ostdeutschen Bevölkerung – langsam, aber messbar – nach links. Anfang des vergangenen Jahrzehnts schien diese Entwicklung zum Stillstand gekommen zu sein, doch in jüngster Zeit hat sie sich wieder fortgesetzt: Auf einer Skala von null bis hundert, wobei null ganz links und hundert ganz rechts bedeutet, stuft sich die Bevölkerung heute selbst durchschnittlich bei 49 ein. Im Jahr 1976 lag der Durchschnittswert bei 55. Damit gewinnen auch die Positionen der Linkspartei für mehr und mehr Deutsche an Überzeugungskraft.

Systematisch abgearbeitet, fallen mir folgende Punkte auf:

  1. Nicht die Bevölkerung stuft sich heute bei 49 ein, sondern die Befragten, von denen Allensbach annimmt, sie entsprächen einer repräsentativen Auswahl, was Rückschlüsse auf die Gesamtbevölkerung zuließe. Sprachliche Suggestionskraft war schon immer eine Stärke der Allensbacher, genauso wie ihre Quotierungsverfahren irgendwo zwischen sozialwissenschaftlicher Alchemie und erfahrungsgesättigter Forschungspraxis liegen.
  2. Die messbare Verschiebung von rechts nach links ist angemessener als eine Verschiebung zur Mitte zu bewerten. Wenn Petersen es als Trend zur ‚Linkisierung‘ der Bevölkerung ansieht, daß der Durchschnitt jetzt einen einzigen Punkt unter der Mitte von 50 liegt, dann würde der 1976 gemessene Wert von 55 Punkten ja eine dramatisch-konservative Geisteslage der Nation indizieren – 1976!
  3. Die Werte zwischen 49 und 55 als Indikatoren für Links- und Rechtseinordnung im Aggregat heranzuziehen und nicht für eine Mitteorientierung kann man machen. Dann muß aber auch gesagt werden, was weniger sensible Ausschläge über oder unter, sagen wir mal, 55 oder 45 Punkte bedeuten.
  4. Das führt zu der Frage, welchen Wert eine Skala von 0 bis 100 haben soll. Was bilden die Pole ab, wenn 49 schon messbares Linkssein bedeutet und der Trend seit 1976 von 55 zu 49 Punkten als eine Verschiebung der geistigen Grundlagen der Republik bewertet wird?
  5. Apropos geistige Grundlagen: Auf einer Skala mit 100 Punkten eine Verschiebung von 6 Punkten zu messen, die sich innerhalb von 34 Jahren von 1976 bis 2010 vollzogen hat und das dann als ein Ergebnis zu verkaufen… naja, ich weiß nicht so recht.

Ach ja, dieser ‚beobachtete Trend‘ stellt nur den Aufhänger für den Gegenstand des Artikels dar. Denn trotz einer Tendenz zur linken Selbsteinschätzung der Bevölkerung schafft es die Linkspartei nicht, genügend Zustimmung zu generieren. Was dann als Versagen insbesondere des Führungspersonals gedeutet wird. Denn: Die Voraussetzungen wären ja rosig, nur die Damen und Herren Kadersozialisten wissen damit nichts anzufangen.

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