Vielfalt und Zweifel

Ich hatte die Freude, am Wochenende in Hamburg auf der Tagung „Methoden der Erforschung politischer Ideen“ teilzunehmen. Veranstaltet wurde das Ganze von Andreas Busen, Alexander Weiß und Stefan Skupien. Mit ihnen und vielen anderen auf der Veranstaltung teile ich das Erstaunen über die große Zahl an Gästen – der Laden war voll und selbst am Samstag Abend blieben nach einem lange Tagungsprogramm immer noch ca. 20 Personen für eine Manöverkritik.

Inzwischen haben sich die Eindrücke ein wenig gesetzt. Frage ich mich nun nach einem persönlich Fazit, so fallen mir zwei Begriffe ein: Vielfalt und Zweifel. Die einzelnen Vorträge stellten einen wahrhaft beeindruckenden Reichtum an verfügbaren Ansätzen dar. Der so durch die Tagung sichtbar gewordenen Methodenpluralismus erschien mir weniger ein Problem mangelnder Kanonisierung, als vielmehr ein Indikator für Vitalität. Aber ich bin ja nicht gekommen, um zu loben, insbesondere nicht in der sozial anschmiegsamen Variante. Eine ausführliche Würdigung der einzelnen Beiträge wird folgen – vermutlich in der Zeitschrift für Politische Theorie (oder in der Zeitschrift für Ideengeschichte? Ich weiß das ehrlich gar nicht so genau).

Bleibt also noch der Zweifel als zweiter Begriff zur Charakterisierung der Tagung. So läßt sich der Großteil der Beiträge danach ordnen, wie mit dem erkenntnistheoretischen Zweifel an der Validität der eigenen Ideengeschichtsschreibung umgegangen wird. Die einen halten dieses Problem für nicht überwindbar und suchen nach Wegen, das Problem darstellbar zu machen. Die anderen vertreten einen pragmatischen Optimismus, der es erst einmal auf einen Versuch ankommen lassen möchte, eine Position zu entwickeln, „mittels methodischer Strenge die Unschärfe“ (Robert Feustel) ideengeschichtlicher Forschung in den Griff zu bekommen. Ziel wäre hier dann jeweils eine methodenbasierte Beobachterperspektive, die den Subjektivismus des Forschers überwinden hilft. Das läuft auf die von Veith Selk zugespitzte Frage hinaus, ob es gelingt, den Forscher durch Methoden aus dem Forschungsprozeß hinauszudrängen?

Ich schätze, das wird nicht gelingen. Weswegen sich der Fokus methodischer Anstrengung weniger auf die Entwicklung ‚unabhängiger‘ Beobachterpositionen richten sollte, als auf den Umgang mit dem Standpunkt des Beobachters. Das klingt alles sehr nach Poppers Intersubjektivierbarkeit durch Transparenz, aber was Besseres (soll wohl heißen: Innovativeres) fällt mir im Moment auch nicht ein.

Jedenfalls gehört zur Transparenz des Forschungsprozesses der Ideengeschichtsschreibung eine Frage, die nur kurz und im Anschluß an den Vortrag von Maike Weißpflug von Philipp Erbentraut und Oliver Eberl andiskutiert wurde. Die Frage führte unmittelbar zum Ausgangspunkt der Tagung – der Beschäftigung mit der Cambridge School – zurück, indem sie den Sinn der Ideengeschichtsschreibung in den Mittelpunkt stellt. So haben einige Vortragende erhebliche kritische Reflexionsabsichten dargestellt, aber die aus meiner Sicht zentrale Frage ausgeblendet: Wozu Ideengeschichtsschreibung? Warum mache ich das? Wofür ist es wichtig herauszufinden, was der Autor wirklich und in Echt jetzt meint? Nicht das ich falsch verstanden werde: Ich bin überzeugt, daß sich Ideengeschichtsschreibung rechtfertigen läßt. Aber: Eine der camouflierenden Bemerkungen zu diesem Problem war die häufig wiederkehrenden Aussage, daß eine Methode sich dadurch als geeignet erweise, daß sie am besten herausfinden kann, was der Autor gemeint hat. Also was er wirklich gemeint hat.

Das klingt alles sehr nach Selbstzweck. Ich bin aber davon überzeugt, daß ein historisch-rekonstruierender Ansatz der Ideengeschichtsschreibung mit dem Verweis auf eine Methode, die sich selbst genügt, das Problem der Standortgebundenheit des Beobachters nur scheinbar gelöst zu haben meint. Nicht umsonst hat sich bspw. Skinner den Republikanismus ausgesucht und kommt da zu ganz bestimmten Ergebnissen, die auch nicht zufällig als Gegenentwurf zum Liberalismus des 20. Jahrhunderts gelesen werden können. Solche subjektiven Intentionen des Forschers werden mit dem Verweis auf den Selbstzweck, das nur-wissen-wollens, ausgeblendet. Mit der Frage nach dem Sinn von Ideengeschichtsschreibung ist aber dieses Problem zu thematisieren. Hier hat Maike Weißpflug mit einer Systematisierung von historischem vs. rationalen Ansätzen der Ideengeschichtsschreibung die von Münkler/Llanque in letzter Zeit wieder aufgegriffenen Gegensatzpaare von Archiv vs. Laboratorium/Arsenal vorgelegt.

Stellenweise habe ich den Eindruck, der historische Ansatz tue so, als sei er sich damit selbst genug, herauszufinden, was die Autoren wirklich dachten und wollten, während aktualisierende Neuinterpretationen dem Sinn alter Texte unnötig Gewalt antun. Mit dem Verweis auf den Selbstzweck befreit sich der historische Ansatz scheinbar von der Frage, wo der Forscher steht. Insofern verschiebt eine historische Methode, wie die Cambridge School die Frage nach dem Standpunkt durch das Vorschalten methodischer Reflektion auf eine Methodenebene und gibt auf die Frage nach dem Sinn der Ideengeschichtsschreibung lediglich den Selbstzweck an, allenfalls noch die Fragestellung, die sich aber dann wie von selbst aus den Quellen ergibt. Naja, wers glaubt…

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Eine Antwort zu Vielfalt und Zweifel

  1. Pingback: Bericht vom Workshop „Ansätze und Methoden zur Erforschung politischer Ideen“ im Juli 2010 in Hamburg » theorieblog.de

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