Die Verantwortlichen

Bei den Sozialtheoristen ärgert sich Stefan Schulz über Frank Schirrmacher und ist damit sicher nicht der Erste. Der Mitherausgeber der FAZ hat sich die Inszenierungsstrategien der Politik am Beispiel von Gauck und Wulff vorgenommen. Kernthese: Politiker sind nur noch Politikerdarsteller. Sie folgen einem Skript, welches von unterhaltungsfixierten und im wesentlichen politikdesinteressierten Bürger vorgegeben wird. Darin steckt eine Menge von Richard Sennetts Diagnose der Privatisierung des Öffentlichen. Es steckt darin aber auch eine klassisch konservative Perspektive auf die Schwächen der Demokratie, insbesondere auf den Idioten im demos, der sich wenig für das Gemeinwohl und viel für home stories von Politikern begeistern kann. Ein solchermaßen uninteressiertes Publikum braucht sich nicht darüber zu beschweren, so Schirrmacher, wenn  die Politikerdarsteller sich nach dem Bedarf der Politikkonsumenten ausrichten. Hier wird also recht aufwändig dem Bürger etwas hämisch angekreidet, daß er genau jene Politiker bekommt, die er verdient. Eine konservative elitenbasierte Demoskritik also: vox populi, vox rindvieh.

Zurück zu Stefan Schulz. Er versucht die Bürger vor dem Journalisten Schirrmacher in Schutz zu nehmen. Die Kritik an den Bürgern ist demnach verfehlt; sie trifft schlicht die Falschen. Denn:

Für fast jede gesellschaftliche Einrichtung gibt es einen Sicherheitsmechanismus, der das Volk davon entlastet, alles selbst mit Ahnung überwachen zu müssen. Die moderne Gesellschaft funktioniert nach einem Prinzip ausgeprägter Arbeitsteilung mit ausgeklügelten Checks und Balances […].

Im Fall der Politik schiebt sich die funktional ausdifferenzierte Öffentlichkeit der institutionalisierten Massenmedien als Wächter zwischen die Bürger und den Politiker. Aufgabe der Massenmedien ist es, das zu leisten, was der Bürger nicht mehr kann, nämlich Politiker kontrollieren und verantwortlich halten.  Wenn die Politiker also so katastrophal sind, dann ist das zu allererst Schirrmacher selbst anzukreiden.

Problematisch an Schulzes Perspektive ist die Auflösung der Verantwortlichkeitskette zwischen Bürgern und Politik. Von dieser Verantwortung können auch die Medien die Bürger nicht befreien. Medien beobachten das gesamte politische System, also auch die Bürger. Diese sind ganz sicher nicht von der öffentlichen Kritik ausgenommen oder gar davon befreit, sich um die öffentlichen Angelegenheiten zu kümmern. Weder sind sie durch ihre Repräsentanten, noch durch eine kritische Öffentlichkeit von der Sorge um das Gemeinwohl entlastet. In diesem Sinne hat Schirrmacher Recht, wenn er eine Zweiteilung zwischen politischem Prozess der Hinterbühne und der Inszenierung von Politik auf der Vorderbühne kritisiert und den Anteil der Bürger an dieser Zweiteilung benennt.

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