Review: Zeitschrift für Politische Theorie

Sehr lange hat es gedauert, bis das erste Heft der Zeitschrift für Politische Theorie herausgekommen ist. Inzwischen liegt dieses erste Heft vor – ich habe ein Probeexemplar Anfang Januar erhalten – und mein Eindruck ist ein verhalten optimistischer: Der Auftakt ist gelungen, hoffentlich geht es so weiter.

Watt hamm’se denn im Angebot?

Die Zeitschrift hält drei Aufsätze, eine Umfrage unter Professoren, zwei Review Essays, einige Tagungsberichte und einen Bericht aus dem Netz bereit. Diese Vielfalt bringt ein wenig Flair kosmopolitischer Magazine in das Heft, wenn auch die Texte selbst dann so staubtrocken sind, wie nur die Politische Theorie das vermag.

In der Rubrik ‚Aufsätze‘ sind Jan Christoph Suntrup, Renate Martinsen und Bernd Ladwig vertreten. Suntrup schreibt einen kurzen und flotten Text zur Körpersprache der Demokratie, Martinsen präsentiert einen klassischen Theorietext zum Zusammenhang von Wissen und Gewissen (es ist ein klassischer Theorietext, weil er diesem Muster folgt: a) eine Debatte wird rekonstruiert, indem b) drei [drei! es sind immer drei] Positionen identifiziert werden, und schließlich c) entweder aus den Schwächen der Positionen oder dem geänderten Kontext eine vierte Position entwickelt wird) und Ladwig provoziert die Grundrechtsdogmatik mit der These, daß Menschenwürde und Menschenrechte nichts miteinander zu tun hätten, insbesondere bilde die Menschenwürde kein tragfähiges Fundament, um Menschenrechte zu begründen.

Nobelpreis für Politische Theorie

Die Umfrage unter den Professoren der Politischen Theorie und Ideengeschichte hat Unterhaltungswert, der Erkenntniswert ist dagegen zweitrangig. Besonders spannend ist die erste Frage nach einem Nobelpreis für Politische Theorie, auf die auch nicht alle Befragten geantwortet haben (ja, Herr Brunkhorst, Sie sind gemeint!). Die Liste führt Habermas an, gefolgt von Etzioni. Rawls und Weber kommen auch vor. Tilmann Mayer denkt ernsthaft an Samuel Huntington. Und Gary Schaal hebt noch Cass Sunstein in den Kreis der Kandidaten.

Rezensionen, die die Rezensentinnen unsichtbar machen

Die Review Essays von Claudia Ritter und Kathrin Morgenstern & Babara Weber könnten für meinen Geschmack etwas mehr Esprit vertragen. Anders gewendet, sind sie in einem Maß solide, daß man fast vergessen könnte, es handele sich hierbei um Meinungsbeiträge. Eine wissenschaftliche Rezension muß aber auch nicht zwangsläufig mit dem Hackebeil arbeiten. Geschmacksfrage eben!

Von den vier Tagungsberichten habe ich mir nur die Texte von Maik Herold und Eva Marlene Hausteiner angesehen. Herold berichtet von einer bunt besetzten Konferenz zum Lissabon-Urteil des Bundesverfassungsgerichts und Hausteiner gibt einen…, nun ja, vorsichtig optimistischen Einblick in die gemeinsame Tagung von Politischer Theorie und IB vom Juni 2010.

Das Heft endet mit einem Beitrag von Cord Schmelzle und Daniel Voelsen, den beiden am Theorieblog beteiligten Berliner Nachwuchswissenschaftlern. Sie sondieren die Netzlandschaft, machen ebenfalls wie Renate Martinsen den argumentativen Dreischritt, um dann den Theorieblog als vierte Position einzuführen. Von Yoga ist gar nichts zu lesen (Skandal! Egal? Na gut!).

Meckerecke

Einige kritische Anmerkungen bleiben aber dennoch nicht aus: Erstens die Bleiwüste. Als der VS Verlag seinen platzsparenden und zugleich schwindelig machenden Drucksatz Mitte der 2000er Jahre eingeführt hat, waren die Fragezeichen groß. Kann man ernsthaft den Leser im Verhältnis zum Kostendruck so dermaßen kaltstellen? Inzwischen stellt sich diese Frage anscheinend nicht mehr. Trotzdem sei es noch einmal festgehalten: Es ist nicht schön!
Zweitens die Tagungsberichte. Viele Textsorten sind zeitlos. Tagungsberichte sind es eher nicht. Sie leben von Aktualität und nehmen deswegen bei H-Soz-Kult beträchtlichen Raum ein. Ob sie dies in der Zeitschrift für Politische Theorie auch tun sollten, würde ich als Herausgeber dann verneinen, wenn der Erscheinungszyklus beibehalten wird und die Hefte sich weiterhin in dem Maß verzögern. Andererseits sind die Papierform der Zeitschrift und die damit verbundenen Produktionsbedingungen eine bewußte Entscheidung der Herausgeber. Insofern könnte der Abdruck von Tagungsberichten auch als Versuch gewertet werden, diesen im Kontext einer langsameren Zeitschrift trotz allem ein Zuhause zu bieten.

Fazit: Kleine Brötchen backen die anderen

Von diesen Kritikpunkten abgesehen, ist André Brodocz, Marcus Llanque und Gary Schaal für die Ausdauer, den Mut und das gelungene erste Heft zu gratulieren. In der Einleitung geben sie einen kurzen Einblick in ihre Motivationen für ihre Beteiligung an diesem Projekt. Vor allem wird der Wunsch in den Mittelpunkt gerückt, der Politischen Theorie endlich ein eigenes Forum zu geben und damit an die Erfolge anderer Zeitschriftengründungen aus verwandten Teildisziplinen anzuschließen.

Absolut positiv schätze ich die Entscheidung für ein double blind peer review ein. Hier habe ich schon etliche Zweifel von Kollegen gehört. Ein solches Review-Verfahren, so eine Kollegin, setze die Hürden so hoch, daß die Autoren eher abgeschreckt werden. In diesem Zusammenhang wird sicher nicht nur mir aufgefallen sein, daß das Heft nur 135 Seiten aufweist. Geplant sind 160 Seiten je Heft mit einem Jahrgangsumfang von 320 Seiten. Offensichtlich fehlt hier ein Aufsatz und zu fragen ist, warum das so ist. Auf den ersten Blick scheint die Kollegin im Recht zu sein. Jedoch glaube ich, daß sich die Situation genau anders herum verhält. So sind vermutlich zwar genügend Aufsätze eingereicht worden, aber nur drei davon durch das Review-Verfahren gekommen. Mein Eindruck von Gesprächen auf der Tagung der Theoriesektion in Erfurt unterstreicht diese Vermutung.
Eine Abschreckungswirkung mag dies vielleicht im Einzelfall haben. Das Renommee der Zeitschrift wird dadurch aber von Anfang an gestärkt. Die Entscheidung, die Qualität der Zeitschrift nicht zugunsten eines untergeordneten Verlagsziels aufzugeben, ist in dieser Perspektive mehr als sinnvoll. Denn wer dann mit einem Text durchkommt, profitiert davon im Wettbewerb mit anderen. Die Anreize für eine Publikation in der ZPTh sind so langfristig gesehen darauf angelegt, die Zahl eingereichter Artikel zu erhöhen. Es würde mich nicht überraschen, wenn der Wettbewerb um die knappen Plätze in der Zeitschrift spätestens mit Heft 3, also jenem Slot, welcher mit dem Herauskommen des ersten Heftes ungefähr übereinstimmen könnte, steil ansteigt.

Abos, Abos, Abos

Aus Sicht der gesamten Disziplin scheint mir die Zeitschrift ein absoluter Gewinn zu sein. Daher ist es im Interesse eines jeden Einzelnen, daß sie sich auch am Markt halten kann. Deswegen *ringdingschningwerbung* möchte ich dazu raten, die eigene Universitätsbibliothek auf die Zeitschrift aufmerksam zu machen und gegebenenfalls – wo die Möglichkeit besteht – jene Hebel in Bewegung zu setzen, die ein Abonnement für die Bibliothek, das Institut oder den eigenen Lehrstuhl auslösen.

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5 Antworten zu Review: Zeitschrift für Politische Theorie

  1. Eva schreibt:

    Hi Don Gomez, danke für die gelungene Review! Dem Aufruf am Schluss kann man sich nur anschließen – und um den Aufruf zum Aufsatzeinreichen ergänzen, denn 160 Seiten wären schon eine gute Sache. Viele Grüße! Eva

  2. cord schreibt:

    Lieber Don,
    der Skandal — kein Yoga nirgends in unserem Text — wäre tatsächlich ein Skandal, hätten wir den Text nicht bereits im Juni geschrieben. Hätte es den Blog schon gegeben, hätten wir natürlich Fett und in BLOCKSCHRIFT darauf aufmerksam gemacht und seine vielen Tugenden ausführlich gewürdigt!

    • Don Gomez schreibt:

      Das weiß ich doch! Aber ein bißchen dynamite fishing for compliments hat noch keinem Eitelkeitsbedürfnis geschadet. Dem Ansehen der Person meistens schon. Deswegen bitte ich um Entschuldigung für die grobe Zuspitzung!

  3. Pingback: Review der Zeitschrift für Politische Theorie » theorieblog.de

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